Helmut Lang - Ein Visionär der radikalen Reduktion
Ein gewöhnlicher Museumsbesuch ist nicht zu erwarten, das dürfen wir schon versprechen. Das Museum für angewandte Kunst in Wien und Helmut Lang öffnen sich bis Anfang Mai für eine Séance De Travail, ein Arbeitsmeeting. Die Ausstellung ermöglicht unter dem gleichnamigen Titel Einblicke in den kreativen Prozess des österreichischen Ausnahmedesigners, ordnet seine Arbeit in den kulturellen Kontext ein und verspricht neue Perspektiven. Es ist eine Einladung, tief in das Mindset eines Mannes einzutauchen, der die Codes der internationalen Modewelt nicht nur gelesen, sondern radikal umgeschrieben hat.
Dass dieser intime Einblick überhaupt möglich ist, liegt an einer außergewöhnlichen Geste des Designers: Helmut Lang übergab dem MAK bereits im Jahr 2011 sein gesamtes Archiv als Schenkung. Es ist das einzige offizielle und zugleich umfangreichste öffentliche Archiv zu seinem Werk weltweit. Mit über 10.000 Datensätzen dokumentiert es lückenlos die Entwicklung des Labels zwischen 1986 und 2005 – von ersten Entwürfen und Prototypen bis hin zu den fertigen Runway-Ensembles.
Als Mixed-Media-Erlebnis konzipiert, sprengt die Präsentation die Grenzen klassischer Formate: Großformatige, ortsspezifische Installationen und maßstabsgetreue Rekonstruktionen seiner legendären Flagship-Stores machen die Verbindung von Mode, Kunst und Architektur unmittelbar physisch erlebbar. Lang, der 1998 als Pionier die erste Modenschau im Internet präsentierte und New Yorker Taxis als Werbefläche für seine ikonische Robert-Mapplethorpe-Kampagne nutzte, wird hier als der mediale Vorreiter greifbar, der er bis heute ist.
Besucher haben die seltene Gelegenheit, erstmals Videodokumentationen der bahnbrechenden Präsentationen in voller Länge und mit Originalmusik zu sehen – Momente, in denen Lang den klassischen Laufsteg durch das Format der Séance De Travail ersetzte. Diese performativen Arbeitssitzungen vereinten Models und Freunde unterschiedlicher Herkunft in einer offenen Dynamik.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll seinen funktionalen „Essentialismus“ und jene codierte Uniform aus Streetwear und Maßarbeit, die eine ganze Generation prägte. Besonders spannend ist der Dialog mit zeitgenössischen Künstlerinnen wie Jenny Holzer und Louise Bourgeois, deren Arbeiten Lang fest in sein Markenuniversum integrierte und die Grenze zwischen den Disziplinen auflöste. Es ist eine Reise durch ein Gesamtkunstwerk, das zeigt, wie kreative Praxis soziale Paradigmen verschieben kann.
HELMUT LANG. SÉANCE DE TRAVAIL 1986–2005
10. Dezember 2025 bis 3. Mai .2026
Museum für angewandte Kunst | Stubenring 5 | 1010 Wien
Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr