Boutique SOCIÉTÉ × Treasures of Memory 2
In diesem Sommer ist dank Kaspar Müller aus den Räumen der Berliner Galerie SOCIÉTÉ eine Art Boutique für geworden. Lustvoll verschiebt der Schweizer Künstler dafür die Grenzen zwischen Alltags- und Hochkultur und schnell wird klar: Nichts ist, wie es scheint. Nehmen Sie sich also Zeit.
Müller interessiert sich seit langem für die Kluft zwischen dem, was etwas zu sein scheint, und dem, was es verbirgt. In seinen Inszenierungen bringt er alltägliche Gegenstände in spielerische Konstellationen, die jene materielle Spannung zwischen ihrem sozialen Leben und ihrer inneren Undurchdringlichkeit lebendig werden lassen: das Wechselspiel zwischen der „sinnlichen Oberfläche“ eines Objekts, an der sich Bedeutung ablagert, und seinen unzugänglichen Dimensionen, die, wie Graham Harman schreibt, „in Kellern des Seins nachhallen, die keine Beziehung erreicht“.
In Boutique SOCIÉTÉ treten die Objekte aus dem Keller heraus und in die Boutique hinein. Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei Zelte. Provisorisch und transportabel, tauchen solche bescheidenen Konstruktionen überall auf – von Straßenmärkten und Handelsmessen bis hin zu Geburtstagsfeiern und Galaabenden. Im Innenraum installiert, werden diese Aluminiumgestelle zu prekären Räumen, zu ambitionierten Bühnenbildern in neuen Gewändern: handbemalte, transparente Stoffe mit fröhlichen Punkten und Streifen geben sich als volkstümliche Architektur-Couture aus.
Die Präsentation fungiert hier nicht als neutraler Rahmen, sondern als aktive Kraft, die zugleich die sinnliche Oberfläche des Objekts offenlegt und das Gefühl dessen vertieft, was es zurückhält. Innerhalb dieser Strukturen verbreiten Lampenskulpturen das warme Licht eines Showrooms oder eines Wohnzimmers; ihre überschwänglichen, disharmonischen Konstellationen von Glühbirnen recyceln das Bild des Alten, um daraus etwas Neues zu formen.
Mundgeblasene Glasbongs, angeordnet auf einem sich langsam drehenden Sockel, sind in ihrer Herstellung einzigartig, in ihrem Gebrauch jedoch allgegenwärtig. An der Schnittstelle von Handwerk und Massenproduktion positioniert, sind sie, wie Müller andeutet, Vehikel für die Transformation eines Bewusstseinszustands. Gegossene Aluminiumtulpen ruhen auf miniaturhaften, 3D-gedruckten, farbbespritzten Stühlen. Diese Verschmelzung klassischer Ikonografie mit neuen Materialien beschwört sowohl die Geschichte der Blumenmalerei und des Künstlerateliers als auch die ursprüngliche Finanzblase herauf: die niederländische „Tulpenmanie“ des 17. Jahrhunderts, als Blumenzwiebeln zu Objekten rauschhafter Spekulation wurden.
Zwischen sinnlicher Oberfläche und entzogenem Wesenskern aufgespannt, rahmt Müllers Szenografie diese Objekte als Schätze eines kollektiven Erinnerns – allgegenwärtige Behältnisse projizierter Sehnsucht, die um den Kern des Objekts kreisen, ohne ihn je zu berühren.
Auch Müllers Gemälde vollziehen eine ähnliche Oszillation zwischen dem Persönlichen und dem Unzugänglichen und behandeln die Welt persönlicher Anekdoten genauso wie Objekte. Erinnerungen an seine Kindheitsnachbarschaft, gestohlene Zigaretten und den Antiquariatsbuchladen seines Vaters wurden in einen KI-Bildgenerator eingespeist – das Ergebnis sind Bilder, die zugleich generisch und seltsam präzise wirken: intim genug, um zu schmerzen, und unpersönlich genug, um zu befremden.
Boutique SOCIÉTÉ x Treasures of Memory 2 by Kaspar Müller
3. Juli bis 29. August 2026
SOCIÉTÉ | Wielandstraße 26 | 10707 Berlin
Dienstags bis Samstags 11-18 Uhr